© Lauren Murphy

Donnerstag | 16. April

19:30 Uhr | Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover | Richard Jakoby Saal

yuunohui’ehecatl’tlapoa

ELISION & Ensemble Incontri

Programm
Biografien
Eintritt frei
Eine Veranstaltung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
ELISION wird gefördert durch:

Programm

Julio Estrada (*1943)
yuunohui’ehecatl’tlapoa (1983–2026)
[deutsche Erstaufführung]
ELISION

Mateo Servián Sforza
(*1991)
Debbio (2026)
[Uraufführung]
ELISION


Kate Milligan
(*1996)
Great Dog! (As Seen by the River) (2026)
[Uraufführung]
ELISION

Liza Lim (*1966)
Songs found in dream (2005)
Ensemble Incontri und Mitglieder von ELISION

– Pause –

Aaron Cassidy (*1976)
Piano Concerto (2021–23, Überarbeitung 2023–25)
[Uraufführung der Neufassung]
ELISION
Alexander Waite, Klavier

Aufführungsmaterial:
Liza Lim, Songs found in a dream © G. Ricordi & Co. Bühnen- und Musikverlag GmbH


Aufführende

ELISION – Incontri Ensemble-in-Residence 2026

Paula Rae – Flöte
Carl Rosman – Klarinette
James Aylward – Fagott
Joshua Hyde – Saxophon
Ryan Williams – Blockflöte
Tristram Williams – Trompete
Benjamin Marks – Posaune
Peter Neville – Schlagzeug
Marshall McGuire – Harfe
Daryl Buckley – Pedal Steel Gitarre
Alexander Waite – Klavier
Freya Schack-Arnott – Cello
Rohan Dasika – Kontrabass
Aaron Cassidy – Dirigent

Ensemble Incontri

Seyun Yuni Kim – Oboe
Max Liebe – Klarinette
Petro Orlovskyi – Trompete
Lea Winkler – Percussion 1
Jacob Lehmer – Percussion 2
Johannes Kalweit – Cello
Mara Reiter – Kontrabass
Aaron Cassidy – Dirigent

Über dieses Konzert

Im Englischen unterscheiden wir zwischen „America“ – einer umgangssprachlichen, zunehmend überholten und unverblümt arroganten Kurzform für die Vereinigten Staaten von Amerika – und „the Americas“, einem weiter gefassten, inklusiveren und stärker geografisch orientierten Begriff, der Nord-, Mittel- und Südamerika sowie ihre Bevölkerungen umfasst. (Vielleicht haben Sie das Ende von Bad Bunnys Super-Bowl-Halbzeitshow gesehen, das diesen Punkt in einem Clip illustrierte, der vor einigen Monaten viral ging). In den beiden Konzerten von ELISION und Ensemble Incontri konzentrieren wir uns auf das zweite Konzept – nicht nur durch die Einbeziehung von Komponist*innen aus diesen Regionen, sondern auch durch einen weiter gefassten, eher internationalistischen als nationalistischen Blick auf Kultur als einen fluiden, Grenzen ignorierenden Raum sowie einem Fokus auf die Bewahrung indigener Praktiken und Wissensformen als oppositionelle Kraft gegen das Gewicht kolonialer Macht und einer zunehmend dominanten transnationalen Monokultur.

Die Komponist*innen dieser beiden Konzertprogramme stehen für etwas, das die ehemalige britische Premierministerin Theresa May im Jahr 2016 mit den Worten herabwürdigte: „If you believe you are a citizen of the world, you are a citizen of nowhere“ („Wer glaubt, ein Weltbürger zu sein, ist ein Bürger von nirgendwo“). Fast alle von ihnen haben bereits woanders als in ihren Geburtsländern gelebt, gearbeitet oder studiert. Einige waren Exilierte, Freiheitskämpfer, Geflüchtete; einige folgten beruflichen Chancen und ließen sich als Expats im Ausland nieder; mehrere sind Kinder von Eingewanderten; manche studierten einfach Komposition im Ausland, bevor sie irgendwann in ihre Heimatländer zurückkehrten. In jedem einzelnen Fall aber zeugen sie – und ihre Musik – von dem komplexen Tanz zwischen Nationalität, Identität und den Erwartungen, Beschränkungen und Herausforderungen nationaler Grenzen.

Auch autoritäre, ungerechte, illiberale, faschistische Regierungen und Ideologien überschreiten diese Grenzen, und die internationale Beweglichkeit solcher Vorstellungen ist weitaus gefährlicher. „Die Guten“ von gestern sind „die Bösen“ von heute… und umgekehrt. Meine Mutter und meine Schwester leben beide in Minneapolis und haben in den letzten Monaten einige der dunkelsten Seiten der Vereinigten Staaten aus nächster Nähe gesehen. Besonders riskant war die Situation für meine Schwester, die aus Südkorea adoptiert und später als Kind in den USA eingebürgert wurde. Während des brutalen ICE-Einmarschs in ihrer Stadt trug sie auf allen Wegen ihren Reisepass bei sich, aus Angst, die Farbe ihrer Haut könne sie als „nicht von hier“ markieren und sie der Gefahr einer Festnahme oder Schlimmerem aussetzen.

Wie ein Festival für zeitgenössische Musik in Niedersachsen dazu beitragen können soll, eine solche Situation zu bewältigen, ist mir nicht klar. Aber was wir hier versuchen – unsere Herangehensweise an das Festivalthema „Free America“ – besteht darin, Musik als Opposition in den Mittelpunkt zu stellen: Musik als Mut, Musik als Risiko, Musik als Freiheit, Musik als Prinzip, Musik als Erforschung der Möglichkeiten von Kultur und Identität, um Offenheit und Transzendenz zu fördern statt Abschottung und Zurückweisung.

Die heutige Feier dieser Prinzipien gestaltet sich folgendermaßen:


Julio Estrada
// geboren in Mexiko als Sohn von Eltern, die aus Spanien verbannt wurden; Studium in Frankreich und Deutschland; lebt in Mexiko-Stadt

Estradas Musik entspringt einer tiefen Auseinandersetzung mit der vorspanischen indigenen Sprache und Kultur Mexikos und knüpft Verbindungen zwischen dem präkolumbischen Mexiko und den Techniken avantgardistischer europäischer Musiktraditionen. yuunohui’ehecatl’tlapoa (yuunohui bedeutet im Zapotekischen „frischer Lehm“) gehört zu einer Sammlung unendlich modularer Werke, die Estrada seit 1983 immer wieder umarbeitet und neu kombiniert.

Mateo Servián Sforza // geboren in Paraguay als Sohn italienischer Eltern; lebt in Italien; derzeit Erasmus-Austauschstudent an der HMTMH

Das kontrollierte Abbrennen der Vegetation eines geschädigten Ökosystems mit dem Ziel, sein ökologisches Gleichgewicht wiederherzustellen („cultural burning“ oder im Italienischen „debbio“), ist eine weltweit angewendete Praxis von Paraguay bis Finnland, von Italien bis Australien. Wenn das, was wir als „Kultur“ kennen, das Zeichen jenes ursprünglichen Bodens trägt, auf dem einst die erste Saat ausgebracht wurde, leben wir dann in einer Zeit, in der dieses Feld in Brand gesteckt werden muss, in der Hoffnung, neues Leben zu ermöglichen? Manche Samen werden tatsächlich durch Flammen zum Leben erweckt.

Kate Milligan // geboren in Australien; lebt in Amsterdam und Sydney, derzeit Doktorandin im Projekt „Resonant Earth: Music, Ecology and Climate Justice“ unter der Leitung von Prof. Liza Lim

Welche fluiden Logiken entstehen, wenn wir lernen, Wasser zu lesen? Was wäre, wenn ich dem Fluss semiotische Handlungsmacht überließe? Was würde das dann für die musikalische Notation bedeuten? Meine Befragungen führten mich zu The Music of Nature (1832) von William Gardiner, in dem er versucht, die klangliche Vielfalt der natürlichen Welt in musikalischer Notation zu transkribieren oder einzufangen. So erscheint die Figur des Great Dog, die Gardiner auf ein kurzes Motiv reduziert. In dem Versuch, den Great Dog aus seiner tintenhaften Beschränktheit zu befreien, spiegelte ich diese Notation in Wasser und fing die Antwort des Flusses mittels Zeitlupenvideographie ein. Anschließend übertrug ich diese Fluss-Grafiken zurück in westliche Notation. Das Stück spricht zu vielfältigen, mehr-als-menschlicher Weisen der Darstellung der Welt und zu Wirklichkeiten, die in endlosen Kreisen vermittelt und wieder vermittelt werden.

Liza Lim // geboren in Australien als Tochter chinesischer Eltern; aufgewachsen in Brunei und später in Melbourne; lebte und arbeitete von 2008 bis 2017 in Großbritannien; lebt heute in Melbourne und ist als Sculthorpe Chair of Australian Music am Sydney Conservatorium of Music tätig

In der Kultur der australischen Aborigines ist die Idee des „Schimmerns“ ein Anzeichen für die Präsenz einer spirituellen Wirklichkeit. Irisierende Farben, optische Effekte und leuchtende Farbtöne werden wegen ihrer Andeutung von Kraft geschätzt und zugleich häufig rituell verschleiert, verhüllt oder gedämpft, um die Betrachtenden vor diesen Kräften zu schützen.
In Kukatja, einer der Aborigine-Wüstensprachen, bedeutet das Wort kalyururu „wie Wasser, das beim Fallen schimmert“ und beschreibt die Qualität von „im Traum gefundenen Liedern“. Ein Lied wird so zu einem Mittel, um auf ein Geflecht energetischer Kräfte hinzuweisen. Die Traumlandschaft von „Lied“ und „Singen“ in der Kultur der Aborigines ist untrennbar mit dem Land verbunden. Wenn man gemeinsam mit einem Hüter des Landes durch Landschaften wandert, beginnt man zu sehen, dass jeder Stein, jede Pflanze, jeder Zentimeter des Bodens benannt ist (auf unglaublich subtile Weisen) und dass jedes in sich ganze Geschichten und Liturgien von Menschen und Ahnen trägt. So denke ich auch über das Komponieren: Auf seinem Grund liegt die transformative Geste, durch die man sagt: „Lass dieses Ding für jenes stehen“ oder „Lass dies eine Resonanz dort drüben erzeugen“ …

Ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele 2005 für das Klangforum Wien
 
Aaron Cassidy (geboren in den USA; lebte und arbeitete von 2007 bis 2021 in Großbritannien; seit 2022 in Deutschland, Professor für Komposition an der HMTMH)

Obwohl der Titel Piano Concerto Bilder von den Konzerten der Romantik (virtuoser Solist, großes Orchester) und all ihren dazugehörigen Ritualen heraufbeschwört, hat dieses Stück mehr mit den frühesten Vorstellungen eines Konzerts aus der Barockzeit gemein: eine flexible, vernetzte Sammlung solistischer Rollen über ein Gefüge von Instrumenten hinweg. Das Werk ist für Klavier und drei voneinander abhängige Gruppen komponiert, von denen jede eine eigenwillige Besetzung hat: 1) Kontrabass/Es-Klarinette, Fagott (gelegentlich ohne Rohrblatt), Tenor-/Sopranino-Saxophon und Posaune; 2) Pedal-Steel-Gitarre (stark verstimmt, aber immer noch in der traditionellen Stimmung verwurzelt, wie man sie der Country-&-Western-Musik findet), einer umfassend (bei 33 der 47 Saiten des Instruments) präparierten Harfe, Schlagzeug und Live-Elektronik; 3) Blockflöten (Kontrabass, Alt und Sopranino, jede immer wieder in verschiedenen Weisen auseinandergebaut), Violoncello und Kontrabass (ebenfalls beide zumeist präpariert oder durch unterschiedliche Objekte verfremdet). Die wandelbare Form des Werks beruht auf sich ständig überlagernden transformativen Prozessen: mutierend, strudelnd, aufbrechend, schmelzend, verdunstend und sich auflösend.

Ein Auftragswerk von ELISION, gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung. Das Werk wurde im Herbst/Winter 2023/24 und erneut im Herbst 2025 umfassend überarbeitet.

Die beiden „Klangbrücken“-Konzerte der HMTMH bilden den Abschluss und Höhepunkt eines einwöchigen Gastaufenthalts des ELISION Ensembles an der Hochschule, der im Rahmen des neu ins Leben gerufenen, auf fünf Jahre ausgelegten Programms Incontri Ensemble-in-Residence stattgefunden hat. Mit diesem Programm wird eine Plattform für neue Kooperationen in der zeitgenössischen Musik geschaffen, die jungen Komponist*innen und Interpret*innen an der HMTMH die Möglichkeit gibt, in Workshops, Proben und Aufführungen mit jährlich wechselnden, international renommierten Gast-Ensembles zusammenarbeiten. Damit wird unter anderem auch die Aufführung bedeutender neuer Werke für große Ensembles ermöglicht, die noch nie zuvor in Hannover präsentiert wurden. Das Programm wird gefördert aus Mitteln von zukunft.niedersachsen, dem gemeinsamen Wissenschaftsförderungsprogramm des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung. ELISION wird außerdem von der australischen Regierung über „Music Australia“, einer Abteilung von „Creative Australia“, unterstützt.

Prof. Dr. Aaron Cassidy
Leiter des Incontri – Institut für neue Musik
Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Übersetzung: Dr. Catrin Kuhlmann

Biografien

© Lauren Murphy

ELISION

In seiner 40-jährigen Geschichte hat sich ELISION von Australiens führendem Ensemble für Neue Musik zu einer internationalen „Supergroup“ entwickelt. Zu den 17 Mitgliedern gehören einige weltweit führende Musiker, die durch Auftritte, Aufnahmen und Veröffentlichungen die zeitgenössische Instrumentaltechnik neu definiert haben. Das Ensemble hat sich auf die Erkundung und Erweiterung musikalischer Möglichkeiten konzentriert und sich durch seine Auseinandersetzung mit komplexer und virtuos herausfordernder Ästhetik, sein einzigartiges Instrumentarium und seine Arbeit mit interdisziplinären und transkulturellen Kunstformen einen internationalen Ruf erworben.
Im Rahmen von mehr als 50 internationalen Tourneen in 22 Ländern ist ELISION in großen Häusern wie der Berliner Philharmonie, dem Hebbel Theater, dem Saitama Arts Theatre Tokyo, dem Centre Pompidou, dem Sydney Opera House, dem Melbourne Recital Centre und dem Wiener Konzerthaus aufgetreten; und bei Festivals wie Wien Modern, Maerzmusik, Huddersfield Contemporary Music Festival, Ars Musica Brüssel, Züricher TheaterSpektakel, dem 50. Warschauer Herbst Festival, Ultima Oslo, TRANSIT Festival Leuven, Spitalfields London, dem Chekov International Theatre Festival in Moskau, der Shanghai New Music Week, Festival Vértice Mexico und Festival d'Automne à Paris.
In den vier Jahrzehnten seines innovativen Musizierens hat ELISION unzählige neue Werke in Auftrag gegeben. Zu den bemerkenswerten Erfolgen gehören die ersten Auftritte australischer zeitgenössischer Opern an der Opéra National de Paris und dem Fomenko-Theater in Moskau; die Kuration einer Konzertreihe am Kings Place London von 2009-12; Gastaufenthalte an den Universitäten von Harvard, Stanford, Huddersfield und Buffalo; Richard Barretts CONSTRUCTION, ein zweistündiger Zyklus im Auftrag des Programm “European Capital of Culture”; sowie Tourneen nach Mexiko und Taiwan in den Jahren 2018 und 2019. ELISION ist auch Partner für Projekte mit führenden Gruppen wie Ensemble Modern, CIKADA (Oslo), Line Upon Line (Austin) und mit dem SWR Symphonieorchester beim ECLAT Festival 2024.
Die Diskographie der Gruppe umfasst 26 CDs mit Aufnahmen in den Studios von Deutschlandfunk, WDR, Radio Bremen und BBC Maida Vale, die bei KAIROS, NEOS, Wergo, NMC, Etcetera, HCR und Mode erschienen sind und von Gramophone, The Wire, der New York Times und dem BBC Music Magazine hoch gelobt wurden.
Zu den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen von ELISION gehören Tourneen in Australien, Deutschland, Schweden, den Niederlanden und Großbritannien sowie eine Wiederaufnahme von Liza Lims erster Oper, The Oresteia (1993), mit der Sydney Chamber Opera..

Gefördert durch:
Projektpartner*innen: