
Freitag | 17. April
19:30 Uhr | Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover | Richard Jakoby Saal
Kolk
ELISION & Ensemble Incontri

ELISION & Ensemble Incontri
Jakob Lerch (*2005)
Durch richtungsverteilte Wellen mit schräg-anlaufenden Strömungen hervorgerufenen Kolk an einem Monopile (2026) [Uraufführung]
ELISION
Charlie Sdraulig (*1985)
Double (2026)
[Uraufführung]
ELISION
Zampia Betty Mavropoulou (*1991)
iliosine (2026)
[Uraufführung]
ELISION
Cat Hope (*1966)
Goddess (2025)
[europäische Erstaufführung]
ELISION
– Pause –
Evan Johnson (*1980)
mille-fleur (2026)
[Uraufführung]
ELISION
Iannis Xenakis (*1922)
Eonta (1963–64)
Ensemble Incontri und Mitglieder von ELISION
Alexander Waite, Klavier
Aufführungsmaterial:
Iannis Xenakis, Eonta © Boosey & Hawkes Bote & Bock GmbH
ELISION – Incontri Ensemble-in-Residence 2026
Paula Rae – Flöte
Carl Rosman – Klarinette
James Aylward – Fagott
Joshua Hyde – Saxophon
Ryan Williams – Blockflöte
Tristram Williams – Trompete
Benjamin Marks – Posaune
Peter Neville – Schlagzeug
Marshall McGuire – Harfe
Alexander Waite – Klavier
Freya Schack-Arnott – Cello
Rohan Dasika – Kontrabass
Aaron Cassidy – Dirigent
Ensemble Incontri
Andrei Samarin – Trompete
Amelia Lewis – Posaune
Nojus Vaupsas – Posaune
Aaron Cassidy – Dirigent
Im Englischen unterscheiden wir zwischen „America“ – einer umgangssprachlichen, zunehmend überholten und unverblümt arroganten Kurzform für die Vereinigten Staaten von Amerika – und „the Americas“, einem weiter gefassten, inklusiveren und stärker geografisch orientierten Begriff, der Nord-, Mittel- und Südamerika sowie ihre Bevölkerungen umfasst. (Vielleicht haben Sie das Ende von Bad Bunnys Super-Bowl-Halbzeitshow gesehen, das diesen Punkt in einem Clip illustrierte, der vor einigen Monaten viral ging). In den beiden Konzerten von ELISION und Ensemble Incontri konzentrieren wir uns auf das zweite Konzept – nicht nur durch die Einbeziehung von Komponist*innen aus diesen Regionen, sondern auch durch einen weiter gefassten, eher internationalistischen als nationalistischen Blick auf Kultur als einen fluiden, Grenzen ignorierenden Raum sowie einem Fokus auf die Bewahrung indigener Praktiken und Wissensformen als oppositionelle Kraft gegen das Gewicht kolonialer Macht und einer zunehmend dominanten transnationalen Monokultur.
Die Komponist*innen dieser beiden Konzertprogramme stehen für etwas, das die ehemalige britische Premierministerin Theresa May im Jahr 2016 mit den Worten herabwürdigte: „If you believe you are a citizen of the world, you are a citizen of nowhere“ („Wer glaubt, ein Weltbürger zu sein, ist ein Bürger von nirgendwo“). Fast alle von ihnen haben bereits woanders als in ihren Geburtsländern gelebt, gearbeitet oder studiert. Einige waren Exilierte, Freiheitskämpfer, Geflüchtete; einige folgten beruflichen Chancen und ließen sich als Expats im Ausland nieder; mehrere sind Kinder von Eingewanderten; manche studierten einfach Komposition im Ausland, bevor sie irgendwann in ihre Heimatländer zurückkehrten. In jedem einzelnen Fall aber zeugen sie – und ihre Musik – von dem komplexen Tanz zwischen Nationalität, Identität und den Erwartungen, Beschränkungen und Herausforderungen nationaler Grenzen.
Auch autoritäre, ungerechte, illiberale, faschistische Regierungen und Ideologien überschreiten diese Grenzen, und die internationale Beweglichkeit solcher Vorstellungen ist weitaus gefährlicher. „Die Guten“ von gestern sind „die Bösen“ von heute… und umgekehrt. Meine Mutter und meine Schwester leben beide in Minneapolis und haben in den letzten Monaten einige der dunkelsten Seiten der Vereinigten Staaten aus nächster Nähe gesehen. Besonders riskant war die Situation für meine Schwester, die aus Südkorea adoptiert und später als Kind in den USA eingebürgert wurde. Während des brutalen ICE-Einmarschs in ihrer Stadt trug sie auf allen Wegen ihren Reisepass bei sich, aus Angst, die Farbe ihrer Haut könne sie als „nicht von hier“ markieren und sie der Gefahr einer Festnahme oder Schlimmerem aussetzen.
Wie ein Festival für zeitgenössische Musik in Niedersachsen dazu beitragen können soll, eine solche Situation zu bewältigen, ist mir nicht klar. Aber was wir hier versuchen – unsere Herangehensweise an das Festivalthema „Free America“ – besteht darin, Musik als Opposition in den Mittelpunkt zu stellen: Musik als Mut, Musik als Risiko, Musik als Freiheit, Musik als Prinzip, Musik als Erforschung der Möglichkeiten von Kultur und Identität, um Offenheit und Transzendenz zu fördern statt Abschottung und Zurückweisung.
Die heutige Feier dieser Prinzipien gestaltet sich folgendermaßen:
Jakob Lerch // geboren und wohnhaft in Deutschland; derzeit Bachelorstudent an der HMTMH
Das Gehörende ist gebündelt und zusammen oder gequetscht auf einer flachen, engen Fläche und vor, von allen Seiten festgezurrt, frei im Raum hängend. Es regt (sich) nichts. Ein Streifen herüber zum blauen Feld in einer begrenzten aus- und weitenden Ferne. Aber das ist schon danach und war passiert im noch nicht zerstauchten.
Charlie Sdraulig // geboren in Australien, Studium in den USA; derzeit Lecturer an der University of Melbourne)
Erproben fragiler Gleichgewichte zwischen – sich entziehend – hängend nahe an Schwellen – Ein falscher Freund und Begleiter zu Air (2025).
Zampia Betty Mavropoulou // geboren in Griechenland; derzeit Bachelorstudentin an der HMTMH
Der Pyrrhichios oder Pyrrhike-Tanz (πυρρίχιος χορός) ist der älteste griechische Kriegstanz. Die Tänzer tanzten mit Schilden und Speeren und trugen Helme. Der Tanz war Teil der militärischen Ausbildung. Der Tanz imitiert Bewegungen, mit denen man eingehenden Angriffen ausweicht. Andere Bewegungen sollen aggressive Haltungen darstellen. Kleine, schnelle Bewegungen. Bewegungen mit dem Ziel, den Körper aufrecht zu halten. Der Körper fällt zu Boden. Doch er versucht, weiterzumachen und nicht aufzugeben.
Cat Hope // geboren und wohnhaft in Melbourne; lebte von 1994 bis 1999 in Italien, längere Aufenthalte in Deutschland und Großbritannien; derzeit Professorin und Forschungsleiterin an der Monash University
Goddess basiert auf der Vorstellung von AITNA (Aetna), der griechischen Göttin des vulkanischen Berg Ätna auf Sizilien, einem Ort, an dem ich prägende Phasen meines Lebens verbracht habe. Das Stück reflektiert, was die Idee einer Göttin für ein solch monumentales Naturdenkmal bedeutet. Gewidmet ist es allen Göttinnen, die kein Naturdenkmal, keinen Gott und keinen Mythos benötigen, um welche zu werden.“
Das Werk wurde durch eine Residency am Visby International Composers Centre im Jahr 2025 unterstützt.
Evan Johnson // geboren in den USA; lebt in Amsterdam)
mille-fleur („tausend Blumen“) bezeichnet den Stil jener Hintergrundornamente, die unter anderem für burgundische Wandteppiche um die Wende zum 16. Jahrhundert typisch sind: ein wüster Überfluss kleiner Blüten, Farne und Vegetationen, mindestens ebenso detailliert und auffällig wie die Figuren, denen sie scheinbar nur als Hintergrund dienen. Hier gibt es keine Figuren, keinen Vordergrund, und es gibt auch kaum einen Hintergrund. Vor Jahren beschrieb ich ein Stück von mir in einem Konzertprogramm als „einen perforierten Glanz eines abwesenden Zentrums“. Dieses Werk ist in einer gewissen Weise ähnlich, außer dass der Glanz ebenso abwesend ist. Es bleibt gerade genug übrig, um eine einstige Fülle ornamentaler Details zu erahnen, aber alles, was uns geblieben ist, sind die letzten verblichenen Fetzen.
mille-fleur entstand im Auftrag von ELISION und ist Aaron Cassidy anlässlich seines 50. Geburtstags als herzliche Würdigung einer mehr als zwanzigjährigen Freundschaft und künstlerischen Verbundenheit gewidmet. Womöglich verbirgt sich darin ein ganz leiser Hauch einer festlichen Fanfare.
Iannis Xenakis // geboren in Rumänien als Sohn griechischer Eltern; floh aus Griechenland über Italien und lebte von 1947 bis 1965 als illegaler Immigrant in Paris, später französischer Staatsbürger; lehrte in den USA, in Großbritannien und Frankreich
Eonta („Seiende“) ist eine Hommage an den antiken griechischen Philosophen und Dichter Parmenides. Die ursprüngliche gedruckte Form des Titelwortes folgt der zypriotischen Orthographie kretisch-mykenischen Ursprungs, die mehr als 24 Jahrhunderte verloren war und erst vor Kurzem entziffert wurde. Das Stück bedient sich stochastischer Musik (auf der Wahrscheinlichkeitsrechnung basierend) und symbolischer Musik (auf logistischen Strukturen beruhend). Einige der Instrumentalstimmen, insbesondere das Klaviersolo zu Beginn, wurden auf einem IBM-7090-Computer am Place Vendôme in Paris berechnet.
Die beiden „Klangbrücken“-Konzerte der HMTMH bilden den Abschluss und Höhepunkt eines einwöchigen Gastaufenthalts des ELISION Ensembles an der Hochschule, der im Rahmen des neu ins Leben gerufenen, auf fünf Jahre ausgelegten Programms Incontri Ensemble-in-Residence stattgefunden hat. Mit diesem Programm wird eine Plattform für neue Kooperationen in der zeitgenössischen Musik geschaffen, die jungen Komponist*innen und Interpret*innen an der HMTMH die Möglichkeit gibt, in Workshops, Proben und Aufführungen mit jährlich wechselnden, international renommierten Gast-Ensembles zusammenarbeiten. Damit wird unter anderem auch die Aufführung bedeutender neuer Werke für große Ensembles ermöglicht, die noch nie zuvor in Hannover präsentiert wurden. Das Programm wird gefördert aus Mitteln von zukunft.niedersachsen, dem gemeinsamen Wissenschaftsförderungsprogramm des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung. ELISION wird außerdem von der australischen Regierung über „Music Australia“, einer Abteilung von „Creative Australia“, unterstützt.
Prof. Dr. Aaron Cassidy
Leiter des Incontri – Institut für neue Musik
Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
Übersetzung: Dr. Catrin Kuhlmann

In seiner 40-jährigen Geschichte hat sich ELISION von Australiens führendem Ensemble für Neue Musik zu einer internationalen „Supergroup“ entwickelt. Zu den 17 Mitgliedern gehören einige weltweit führende Musiker, die durch Auftritte, Aufnahmen und Veröffentlichungen die zeitgenössische Instrumentaltechnik neu definiert haben. Das Ensemble hat sich auf die Erkundung und Erweiterung musikalischer Möglichkeiten konzentriert und sich durch seine Auseinandersetzung mit komplexer und virtuos herausfordernder Ästhetik, sein einzigartiges Instrumentarium und seine Arbeit mit interdisziplinären und transkulturellen Kunstformen einen internationalen Ruf erworben.
Im Rahmen von mehr als 50 internationalen Tourneen in 22 Ländern ist ELISION in großen Häusern wie der Berliner Philharmonie, dem Hebbel Theater, dem Saitama Arts Theatre Tokyo, dem Centre Pompidou, dem Sydney Opera House, dem Melbourne Recital Centre und dem Wiener Konzerthaus aufgetreten; und bei Festivals wie Wien Modern, Maerzmusik, Huddersfield Contemporary Music Festival, Ars Musica Brüssel, Züricher TheaterSpektakel, dem 50. Warschauer Herbst Festival, Ultima Oslo, TRANSIT Festival Leuven, Spitalfields London, dem Chekov International Theatre Festival in Moskau, der Shanghai New Music Week, Festival Vértice Mexico und Festival d'Automne à Paris.
In den vier Jahrzehnten seines innovativen Musizierens hat ELISION unzählige neue Werke in Auftrag gegeben. Zu den bemerkenswerten Erfolgen gehören die ersten Auftritte australischer zeitgenössischer Opern an der Opéra National de Paris und dem Fomenko-Theater in Moskau; die Kuration einer Konzertreihe am Kings Place London von 2009-12; Gastaufenthalte an den Universitäten von Harvard, Stanford, Huddersfield und Buffalo; Richard Barretts CONSTRUCTION, ein zweistündiger Zyklus im Auftrag des Programm “European Capital of Culture”; sowie Tourneen nach Mexiko und Taiwan in den Jahren 2018 und 2019. ELISION ist auch Partner für Projekte mit führenden Gruppen wie Ensemble Modern, CIKADA (Oslo), Line Upon Line (Austin) und mit dem SWR Symphonieorchester beim ECLAT Festival 2024.
Die Diskographie der Gruppe umfasst 26 CDs mit Aufnahmen in den Studios von Deutschlandfunk, WDR, Radio Bremen und BBC Maida Vale, die bei KAIROS, NEOS, Wergo, NMC, Etcetera, HCR und Mode erschienen sind und von Gramophone, The Wire, der New York Times und dem BBC Music Magazine hoch gelobt wurden.
Zu den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen von ELISION gehören Tourneen in Australien, Deutschland, Schweden, den Niederlanden und Großbritannien sowie eine Wiederaufnahme von Liza Lims erster Oper, The Oresteia (1993), mit der Sydney Chamber Opera..