
Samstag | 11. April
17 Uhr | FAUST · Warenannahme
Fragments
Ensemble L’ART POUR L’ART

Ensemble L’ART POUR L’ART
Fragments
Ein Projekt des Ensemble L’ART POUR L’ART
Amerika. USA. Ein Land, das mit Deutschland eng verbunden ist – oder war? Die Vereinigten Staaten waren Zufluchtsort für deutsche Künstler und Intellektuelle in den Kriegswirren des 20. Jahrhunderts. Sie halfen nach dem 2. Weltkrieg, Deutschland auch kulturell wieder aufzubauen. Nicht zuletzt, weil in den USA auch eine Bewunderung für das reiche Kulturleben war und die Wiederherstellung eines Geisteslebens für die Menschen in der jungen BRD – nach den dumpfen Jahren des Nazi-Regimes – als Perspektive gesehen wurde, Raum für die damalige (amerikanische) Freiheit des Denkens zu schaffen. Es bestand die Hoffnung, Deutschland in seinem Weltbild verändern zu können.
Anders als in den USA, wo Musiker und Komponisten kaum von ihrer Arbeit leben können, ermöglichen ihnen die Strukturen in Europa insbesondere der BRD ein neues Leben außerhalb der USA aufzubauen. Daraus entstanden gerade im Bereich der Gegenwartsmusik enge Vernetzungen.
Doch was geschieht nun in den USA unter der Trump-Regierung? Eine Etüde 2017 – 2020 und jetzt der gut vorbereitete Niedergang von Forschung und Kultur? Ein historischer Rollentausch? Das Programm ist ein Statement von Komponisten, die zeitlebens vehement für die Freiheit des Geistes und die Gerechtigkeit in der Welt eigetreten sind und auf ästhetisch denkbar unterschiedliche Weise dazu gearbeitet haben. „Fragments“ bedeutet hier eine Hommage und Erinnerung an offenes Denken und Vorstellungskraft, an den Humanismus unter den Künstlern und Wissenschaftlern, die an Kraft zu verlieren drohen.
Matthias Kaul (1949–2020)
USA Fragments (2018)
für Stimme, Bassflöte, E-Bass, Percussion u. Zuspielungen
Morton Feldman (1926–1987)
Why Patterns? (1978)
für Flöte, Klavier, Percussion
Frederic Rzewski (1938–2021)
HAINS (1986)
(variable Besetzung)
Dauer ca. 90 Min. (reine Programmlänge)
Ute Wassermann – Voice
Torsten Schütte – Stimme
Ensemble L’ART POUR L’ART:
Astrid Schmeling – Flöte +
Uschik Choi – Violoncello +
Michael Schröder – Gitarre +
Ulf Mummert – E-Gitarre +
Hartmut Leistritz – Klavier/Keyboard +
Teresa Grebchenko – Percussion
Stefan Troschka – Klangregie
Matthias Kaul (1949–2020)
USA Fragments (2018)
für Stimme, Bassflöte, E-Bass, Percussion u. Zuspielungen
Dieses Stück lebt von Erinnerungen…. Erinnerungen an Personen aus den USA, an Situationen in den USA, …. Edgar Varese, Frank Zappa, James Baldwin, Bessie Smith, an Vietnam, an die Surf Music, an dünnes Eis, an Westernhelden, an Weite, an die Urbevölkerung, an den Rassismus, an einen Satz von James Baldwin: „You cannot tell your children that there is no hope…” (M.K.)
“USA Fragments” ist 2018 inmitten der ersten Trump–Ära entstanden, erschrocken über den sich weltweit abzeichnenden Autoritarismus und entschieden für die Künstler und Klugen in den USA eintretend. Kaul hat nicht mehr das kurze Atemholen der Biden-Jahre, geschweige denn die aktuelle irrlichternde Zerstörungswut der US-amerikanischen Politik erlebt. Das Stück ist Thomas Buckner gewidmet, der in den USA einen großen Teil der zeitgenössischen Musikszene gefördert hat als Kurator, Geldgeber, Veranstalter.
Thomas Buckner und Matthias Kaul verband eine enge Freundschaft und so war eine amerikanische Erstaufführung für 2020 geplant – die Corona-Pandemie und die sich zuspitzende Krankheit von Matthias Kaul ließen die Reise nicht mehr zu. Inzwischen hat Thomas Buckner in der aktuellen politischen Situation seine Konzertreihe in New York eingestellt.
Morton Feldman (1926–1987)
Why Patterns? (1978)
für Flöte, Klavier, Percussion
Feldmans Musik ist Musik und nichts als Musik: „Die Klänge sollten für sich stehen – wie Skulpturen im Raum – ohne auf etwas zu verweisen oder etwas anderes abzubilden als sich selbst.“ Und doch zeigt sich etwas in seiner Musik, das in einer im besten Sinne amerikanischen Kultur beheimatet ist und für uns heute hochinteressant im Weiterdenken: In „Why Patterns?“ beginnen die Stimmen gleichzeitig, arbeiten aber unabhängig voneinander weiter und konzentrieren sich jeweils auf die Wiederholung und Variation von Mustern, sowohl intervallischer als auch dauermäßiger Art, bevor sie sich am Ende des Stücks wie in einem angedeuteten Tanz wieder treffen. Welch schöne Vision, eine Klangwelt zu erschaffen, die sich als Inspiration und Anregung heute auf andere Bereiche eines Gemeinwesens in unserer verwirrten Gegenwart übertragen lässt.
Frederic Rzewski (1938–2021)
CHAINS (1986)
Fernsehopern für Stimme und bis zu sechs Musikern
CHAINS ist der Titel eines Zyklus‘ von zwölf „Fernsehopern“, von denen jede zwischen einer und vier Minuten dauert. Im Idealfall sollen sie – wie der Name sagt – im Fernsehen gesehen werden. Ihre kurze Dauer bezweckt, die Konzentration eines normalen Fernsehzuschauers nicht über Gebühr zu beanspruchen. Das Thema, das die zwölf Opern miteinander verbindet, ist die Arbeit. Die Texte zu diesem Thema umfassen eine Zeitspanne von viertausend Jahren: der älteste aus dem alten Ägypten, der jüngste aus einer Tageszeitung.
1. THE NEWS
Here’s the news. Page one. Bad news!
Good news! Hear this, it’s good news! We’re still here! Good news! [...]
2. THE NEWS, AGAIN
3. CHRISTOPHER COLUMBUS TO FERDINAND AND ISABELLA
„Your Highness will not believe how fertile and rich these islands are. The Natives have neither weapons nor spirit of war. […] Of my men at the same time, […] they are willing to do whatever they are ordered to do. Let us use them, [...]; let us teach them to clothe themselves and finally make them adopt our customs.“
4. THE CRY OF THE RICH AND POOR (Text: after G.B. Shaw)
Eat, and drink be merry, for tomorrow we must eat, and drink, [...] for tomorrow we must - long?
5. CREATION (Part 1)
Cursed be the earth because of you! It will give you thorns and thistles for food [...]. You will work and struggle every day of your life, until you go back to the earth, from which you were taken […]
6. CREATION (Part 2)
Text: Sefer Yetzirah / Buch der Schöpfung, Datum der Entstehung unsicher
Out of two stones two houses are built; out of three stones six houses are built; out of four stones twenty-four houses are built; out of five stones one hundred twenty houses are built [...]. Go, and count further: What the mouth is unable to pronounce and the ear is unable to hear.
7. SONG OF THE SPHINX (to Ronald Reagan)
Text: Lehre für Merikarê (ägyptischer Pharao, 10. Dynastie ca. 2100 v.Chr.)
Don’t build your tomb out of ruins,[…]. To destroy is evil; but to restore what you have bestroyed is useless. Think about it. Every blow is paid for by blows; violence brings only more violence. [...]
8. WHAT IS ANARCHISM?
Text: Emma Goldman
The goal of anarchism is the free expression of all the latent powers of the individual an individual for whom the making of a table,[…] , or the tilling of the soil is what painting is for an artist, and discovery for a scientist: the result of inspiration, of intense longing, and interest in work as a creative force.
9. HISTORY’S ENDLESS CHAIN
Text: Simone Weil
From the primitive hunter […] to the modern worker, humans have never stopped being pushed to work by an alien force, and under the threat of more or less immediate death.
10. LABOR’S ENDLESS CHAIN, Text: Traditional
(aus: Pete Seeger, Carry it On!, S. 51)
We go to work to get the money to buy food the force to go to work …
11. LONG MARCH
Text: Traditonal Irish (aus: Philip S. Foner, American Labor Songs of the 19th Century, Urbana 1975, S. 193)
Step by step the longest march can be won, can be won. Many stones can form an arch, singly none, singly none. And by union what we will can be accomplished still. Drops of water turn a mill, sinly none, singly none.
12. HOW TO MAKE A PIN
Text: Adam Smith
One man draws out the wire, another straichtens it,[...], a fidh grinds it at the top for receiving the head; to make the head requires two or three distinct operations; to put it on is a peculiar business, to whiten the pins is another; it is even a trade by itself to put them into the paper; and the important business of making a pin is, in this manner, divided into about eighteen distinct operations, which, in some manufactories, are all performed by distinct hands.
Division of labor increases the work [...]: First, increase in dexterity in each single worker. Second, the saving time [...]. Third, invention of machines which can make the work easier and shorter and make it possible for one person to do the work of many.

Ute Wassermann hat ein Studium der Bildenden Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg u.a. bei Henning Christiansen und Phil Corner abgeschlossen und mit einem DAAD-Stipendium an der University of California, San Diego Bildende Kunst / Gesang studiert. Sie tourt weltweit als Improvisatorin, sie realisiert audiovisuelle Performances und komponiert für Solisten und Ensembles. Eine wichtige Inspirationsquelle für ihren Gesang sind Soundscapes, aus denen sie imaginären akustischen Habitats komponiert.
Ihr multidimensionaler Gesang oszilliert zwischen elektronischen, an/organischen, menschlichen und animalistischen Qualitäten. Zusätzlich verfremdet und erweitert sie ihre Stimme mit Vogel- und Gaumenpfeifen, Objekten, akustischen Kostümen oder verschiedenartigen Mikrofonen. Auf diese Weise entstehen performative Stimmfiguren, im Bereich von Improvisation, Komposition und Performance Art.
Im Laufe der Jahre hat sie einen komplexen, ständig wachsenden Katalog experimenteller vokaler Äußerungen entwickelt, der weltweit Improvisator:innen und Komponist:innen inspiriert. Regelmäßig gibt sie Stimmworkshops für Institutionen oder Festivals und unterrichtet an Hochschulen im Rahmen von Lehraufträgen.

Torsten Schütte, 1961 in Bremen geboren, absolvierte nach dem Zivildienst eine Tischlerlehre. 1984 folgte die erste Produktion in der Theaterwerkstatt Pilkentafel. Ab 1985 ist er in Flensburg bei der Theaterwerkstatt Pilkentafel als Schauspieler, Techniker und Leiter tätig. Fortbildungen in Stimme, Gesang sowie Eutonie, zeitgenössischem Tanz und physical theatre folgten.
Neben theaterpädagogischen Projekten in der Theaterschule Flensburg und in Schulen ist er als Sprecher und Performer regelmäßig Gast beim Ensemble L’ ART POUR L’ ART.
Das Ensemble L’ART POUR L’ART gehört zu den eigenwilligsten Formationen und ist eines der bedeutenden Ensembles für zeitgenössische Musik. 1983 von den Musikern Matthias Kaul, Astrid Schmeling und Michael Schröder gegründet, umfasst L‘ART POUR L‘ART einen festen Kreis von Musiker:innen, die je nach erforderlicher Besetzung in unterschiedlichen Konstellationen oder solistisch arbeiten. In weltweiter Konzerttägigkeit, in der Zusammenarbeit mit Komponisten auf internationaler Ebene, in unzähligen Ur- und Erstaufführungen, in hochgelobten CD-Einspielungen und Rundfunkproduktionen umfasst die Arbeit vielseitige Ansätze. L’ART POUR L’ART wurde u.a. mit Preisen der PwC-Stiftung, des Preis der deutschen Schallplattenkritik 2012 (Bestenliste und Jahrespreis) und dem Echo Klassik 2012 ausgezeichnet.
1998 gründete sich der Verein der Freunde und Förderer des Ensembles L’ ART POUR L’ ART Niedersachsen e.V., um die Arbeit des Ensembles zu unterstützen: Förderung des Musikschaffens durch Vergabe von Kompositionsaufträgen, Veranstaltung des kulturellen Konzeptes "ZuHören in Winsen", interdisziplinäre Kultur-Aktivitäten, pädagogisch-künstlerische Projekte mit Kindern und Jugendlichen. Nach dem Tod von Matthias Kaul 2020 obliegt die Künstlerische Leitung des Ensembles der Flötistin Astrid Schmeling und dem Pianisten Hartmut Leistritz.